Neue Radierungen Nadine M. Grünewald, Kiel 2013
 

Rainer Gröschl


Neue Radierungen zwischen Landschaftszitat und Konkretion


Druckgraphische Arbeiten nehmen im Werk des Künstlers Rainer Gröschl eine zentrale Rolle ein. Mit zunächst noch an die Wirklichkeit geknüpften und in fotorealistischer Akribie umgesetzten gegenständlichen Darstellungen bilden sie den Ausgangspunkt seines künstlerischen Schaffens in den 1970er Jahren. Seither hat er seinen künstlerischen Radius erweitert: Durch den Einbezug der Ausdrucksweisen und Techniken von Malerei und Zeichnung sowie durch das gattungsübergreifende Arbeiten im angewandten Bereich der Architektur und des Designs hat er sich Freiraum eröffnet für den dynamischen Prozess künstlerischer Formfindung. Diese Offenheit in der Wahl der Mittel ist korreliert an die konsequente Erforschung künstlerischer Strategien und Bildsprachen. So zeigt sich in seinem vielgestaltigen Werk eine Bandbreite von mimetischer Wirklichkeitsdarstellung bis hin zur zunehmenden Abstraktion und Konkretion – eine Entwicklung, die anhand der ausgestellten Radierungen nachvollziehbar ist.


Die erstmals im Rahmen einer Ausstellung gezeigten neueren Drucke überraschen den Betrachter mit einem je variierenden Grad an Referenz zur Wirklichkeit: Gegenständliche Motive treffen auf abstrahierte, von der Realität abgeleitete Formen sowie auf ein stark reduziertes 'Fast-Nichts' vereinzelter, zum dominierenden Leer- oder Farbraum in Bezug gesetzter, Elemente. Vor allem aber die vielgestaltigen Abstufungen zwischen Abstraktion und Konkretion fordern den Betrachter heraus: Rainer Gröschl spielt bewusst mit Mehrdeutigkeit, mit Unschärfen und Verwischungen eines potenziellen Wirklichkeitsbezugs in seinen Werken und erprobt gleichsam die damit verbundenen Wirkungsweisen und Prozesse der Wahrnehmung. Vielfach berühren formal verkürzte Motive – die mit wenigen sicheren Strichen sowie virtuos, wie beiläufig gesetzten Flächen umgesetzt sind – Vorstellungen natürlicher Formen, die assoziativ Schemen von Landschaft evozieren oder Fragmente natürlicher und unbelebter Dingwelt andeuten.

Andernorts ist die Linie jedoch nur Linie, die Fläche nur Fläche: konkrete Gestaltungselemente, die auf nichts als sich selbst verweisen sondern zueinander in Beziehung gesetzt werden. Die so von der Wirklichkeit gelöste Konktrektion ist in seinen Arbeiten nicht geometrisch konstruiert sondern entfaltet sich – entsprechend seinem Formrepertoire angedeuteter Realitätsfragmente – ebenso frei, in dynamisch geschwungenen Linien und biomorphen oder dekonstruktiv aufgesplitterten Flächen.

Rainer Gröschl kombiniert hierzu die unterschiedlichen, zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten der Radierung von Ätzverfahren bis Kaltnadel. Es entstehen auf diese Weise spannungsvolle Kontraste zwischen Grauabstufungen und Elementen im satten Schwarz – nur gelegentlich kommt Farbe ins Spiel.


Die Vielfalt stilpluralistischer Formfindungen steht im Werk von Rainer Gröschl wie selbstverständlich nebeneinander und findet sich auch innerhalb einzelner Werke als Kombination abstrahierter, freier und gegenständlicher Bildelemente. Verbindende Gemeinsamkeit der neueren Radierungen zeigt sich hingegen in der eigenständigen, klaren Formensprache, einer unprätentiös-sparsamen Verwendung bildkünstlerischer Mittel und im Rückgriff auf die elementaren Gestaltungselemente von Linie und Fläche. Gesetzmäßigkeiten und Grenzen dieser minimalistisch-reduzierten Arbeitsweise lotet Rainer Gröschl in einzelnen Arbeiten aus, etwa durch das Platzieren einer ebenso gezielt wie schwungvoll ausgeführten, einzelnen schwarzen Linie. Gerade in dieser bewussten Reduktion entfalten die gezeigten Motive eine in sich ruhende Kraft und bieten dem Betrachter einen umso größeren Raum für potenzielle Anklänge und Assoziationen.



                                                                                Nadine M. Grünewald, Kiel 2013